Unsere Welt, auf der wir alle zusammenleben – wir haben nun mal keine Ausweichmöglichkeiten – ist aber gerade schlichtweg nicht mehr in der Lage, unsere Gesundheit zu gewährleisten. Millionen von Menschenleben sind bedroht. Dagegen wiegt das Erliegen des Leistungssports noch nicht einmal so viel wie eine Feder.

In exakt diesem Moment brauchen wir keine athletischen Vorbilder. Keine selbstdisziplinierten Leistungsträger. Keinen Kult um den Kampf von Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau, den wir eigentlich nur künstlich hergestellt haben, während die Wirklichkeit weitestgehend friedlich ist. Wir brauchen keinen selbstgemachten Nervenkitzel. Es ist nicht von Belang, wer in irgendeinem Zielsprint wohl der Schnellere sein mag. Denn jetzt, heute, hier und überall, ist schon die Realität ein Wettkampf mit der Zeit.

Das soll nicht heißen, dass Leistungssport nicht in der Realität stattfindet. Aber er schafft durch seine Wettbewerbe und Turniere eine Form des (an Werte gebundenen) Wettstreits, der wie ein, der Wirklichkeit enthobenes, von den übrigen Entwicklungen auf dieser Welt weitestgehend losgelöstes, Paralleluniversum über den Dingen schwebt. Es ist ein Showbusiness, bestes Entertainment für den Zuschauer. Es treten Menschen gegeneinander an, duellieren sich, ringen um den Sieg, obwohl sie das eigentlich gar nicht tun müssen. Es gibt primär keinen existenziellen Grund dafür. 

Nun ist es aber so, dass wir in einer Zeit leben, in der es hierzulande sowie in vielen anderen Teilen der Welt aufgrund unserer wohlhabenden Gesellschaft möglich ist, Sport nicht nur als Freizeitbeschäftigung allein aus intrinsischer Motivation heraus zu praktizieren, sondern auch einen Markt daraus zu machen. 

Zuerst waren hier freilich die Athleten, die gemäß des Geschäftsmodells in der Sportbranche immer als Gallionsfiguren an vorderster Front stehen. Doch ein Athlet ist mehr als eine One-Man-Show, die er vielleicht beim Überqueren der Ziellinie für die zahlungskräftige Öffentlichkeit zu sein scheint. Schon in der zweiten Reihe folgt ein riesiger Stab an Trainern, Betreuern, Managern. Unzählige Personen, die im Hintergrund einen Teil zum Erfolg beisteuern. Hinzu kommt ein unüberblickbares Konglomerat aus Unternehmen, Organisationen, Verbänden, Agenturen, Medien – wenn man ganz genau hinschaut, findet man irgendwo darunter übrigens auch ein kleines hübsches Printmagazin, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, im Ausdauersport Ehre zu erweisen, wem Ehre gebührt. 

Wir erinnern uns zurück an den individuellen Rucksack. Der wiegt, wenn wir die aktuelle Situation auf diesem Planeten betrachten, für alle, die in der Sportbranche ihren Lebensunterhalt bestreiten, lächerlich wenig. Wir bräuchten gerade viel mehr medizinisches Personal. Wären schon allein die Sportler alle Krankenpfleger geworden, wären unsere Sorgen gerade schon weitaus kleiner. 

Subjektiv betrachtet ist genau derselbe Rucksack aber eine Last, die bereits im Laufe der kommenden Tage und Wochen für viele nicht mehr zu stemmen sein wird. Es ist bitter nötig, dieses Gewicht so gut es geht auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Dabei braucht der Sport sicherlich auch Hilfe von außen. Wenn schon König Fußball daran krankt, sich selbst zu retten, wie soll es dann erst im Triathlonsport, im Radsport, im Wintersport, im Laufsport oder gar im Schwimmsport gelingen? Auch hier ist Solidarität gefragt. Und zwar nicht, weil wir Profisport für unsere Gesellschaft zwingend brauchen, sondern weil wir doch aktuell alle noch die Hoffnung hegen sollten, dass in ferner, aber absehbarer Zukunft vieles in unserem Alltag wieder so funktionieren wird, wie es vor der Krise war.

Und dann wünschen wir uns wieder Spektakel wie Massenstartfelder bei Städtemarathons, dann wünschen wir uns epische Zielsprints wie bei wichtigen Etappen von Radrundfahrten, dann wünschen wir uns nervenaufreibende Showdowns wie bei einer Ironman-Weltmeisterschaft. Wir wollen Gänsehautmomente, Spannung, Jubel, Emotionen, Leidenschaft – das, was unser Alltag normalerweise nicht unbedingt in rauen Mengen bereithält und uns stattdessen der Profisport geben kann. 

Lassen wir nicht zu, dass die wunderschöne Parallelwelt des Sports bis auf wenige gesegnete Athleten und Unternehmen, denen diese Krise nichts anhaben wird, wie eine Seifenblase zerplatzt, in sich zusammenfällt. Diejenigen, für die es gerade um die Existenz, das Bestehen geht, sind selten diejenigen, die im ganz großen Rampenlicht stehen. Es sind die kleinen Bauteile, die aber dafür sorgen, dass der Motor einer großen Maschinerie am Ende nicht stottert. Es sind all diejenigen, die dafür sorgen, dass der Sport das ist, was ihn ausmacht. Die ihn mitgestalten, präsentieren, unterstützen, voranbringen und die momentan ihren ganz eigenen Wettkampf austragen, ohne zu wissen, wie lange sie den Gegner eigentlich in Schach halten müssen. 

Nichtsdestotrotz müssen und wollen wir eine Sache ganz klar anerkennen. Wir, die wir manchmal vielleicht ein bisschen zu selten unsere Ausdauersport-Blase verlassen: Ehre gebührt vor allem und gerade jetzt all denjenigen, die aktiv mithelfen, dass wir diese Krise so schnell wie möglich bewältigen. Dass sich ihre Folgen nicht zu drastisch auf Millionen von Existenzen auswirken werden. Dass unsere Welt wieder ihren geregelten Lauf nehmen kann und auch der Sport wieder zum Leben erwacht. 

Ehre gebührt auch all denjenigen, die nun ihr persönliches Wohl, ihre Bedürfnisse, hintenanstellen, um gemeinsam zu bewirken, dass Leben gerettet werden können. Und das betrifft uns alle. Hier ist jede und jeder in der Pflicht.  

Und zuletzt müssen wir - und damit auch der Sport - an dieser neuen Herausforderung wachsen. Der Profisport darf sich nun nicht zu wichtig nehmen, so viel steht fest. Er sollte die ihm nun zwangsläufig - und hoffentlich nur vorübergehend - zugewiesene Nebenrolle in der Öffentlichkeit ohne turbulentes Wettkampfgeschehen dafür nutzen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. In seiner gewohnten Lautstärke La-Ola-mäßig weiter vor sich hinzuposaunen ist angesichts der aktuellen Situation nicht angemessen. Die gesamte Welt des Sports bekommt nun Zeit zur Rückbesinnung auf die eigenen Werte. Sie bekommt Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Sich in manchen Bereichen vielleicht sogar neu zu erfinden. Kreativ zu sein, um so stark wie nur irgendwie möglich die nächsten Ziele in Angriff zu nehmen. Welche auch immer dies sein mögen. 

Von manchen Träumen, die schon zu Greifen nahe lagen, mussten und müssen wir uns alle natürlich bereits verabschieden. Es sollen nicht noch unzählige weitere hinzukommen. Uns findet ihr nun vorerst hier auf unserer Homepage und hoffentlich bald auch wieder in gedruckter Form bei euch im Briefkasten. Für die kommende Zeit wünschen wir Euch nur das Beste und vor allem Gesundheit.

 

Franzi / Alex / Marcel / Markus

Ehre, wem Ehre gebührt II

 

Wie gelingt in diesen Tagen der Einstieg in einen Text ohne Einleitungsphrasen wie „unter den aktuellen Umständen“, „in dieser schweren Zeit“, „wir sind alle hart getroffen“, die nicht schon beim Schreiben so schwer wiegen wie Blei? Es ist unübersehbar, dass jede und jeder im Augenblick seinen eigenen Rucksack zu schleppen hat. Und es geht gar nicht so sehr darum, wie groß die Last ganz objektiv von außen betrachtet ist, sondern wie wir sie subjektiv wahrnehmen.

Das beste Beispiel ist der Profisport. Böse gesagt: Das überflüssige Produkt einer Luxusgesellschaft, die es Menschen ermöglicht, allein durch das Streben nach Selbstverbesserung einen mal mehr, mal weniger komfortablen Lebensunterhalt zu bestreiten. Dass dies auch im vergleichsweise noch relativ gut gestellten Ausdauersport eine Form der idealisierten Beschreibung darstellt, ist Teil einer Diskussion, die nicht erst seit Covid-19 geführt werden sollte. Fakt ist allerdings: Objektiv betrachtet brauchen wir Sportler nicht. 

Wofür auch? Sie sorgen nicht dafür, dass auf Feldern Essbares gedeiht und geerntet wird. Sie backen kein Brot. Sie verkaufen uns keine Lebensmittel. Sie machen uns nicht gesund, wenn wir krank sind. Nüchtern gesehen ertüchtigen sie sich durch diszipliniertes Training und genießen dabei die Aufmerksamkeit eines geneigten Publikums.

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